Verloren in der Zeit


Teil 2 von Verloren in Raum und Zeit

Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagmorgen – oder war es ein Mittwoch? Jedenfalls schob der Postbote sein gelbes Fahrrad aus dem Schuppen, Postschlumpf saß bereits mit blauem Helm auf der Lenkerstange, und die Ente watschelte gemächlich hinterher. Lisa war mit Ferkel und Küken schon auf der Straße und winkte.

Da flatterte aus dem magischen Briefportal im Keller wieder ein silbrig-glänzender Umschlag heraus. Diesmal war er zerknittert, als hätte jemand sehr hastig geschrieben, und an einer Ecke klebte ein kleiner getrockneter Tintenfleck – als hätte die Feder beim Schreiben gezittert.

„Mika!", rief Postschlumpf, als er die Handschrift erkannte.

Der Postbote lehnte sein Fahrrad gegen die Wand. Lisa kam herbeigelaufen, Ferkel und Küken dicht hinter ihr. Gemeinsam öffneten sie den Brief.


Liebe Gang!

Ich bin es, Mika. Ich brauche wieder eure Hilfe, und diesmal ist es noch schlimmer als beim PUPS-Chaos.

Unsere Uhren sind kaputt. Nicht alle auf einmal – es fing klein an. Erst zeigte die Uhr am Bahnhof fünf Minuten zu viel. Dann ging die Apothekenuhr vor. Dann die Schuluhr nach. Alle Uhren in der Stadt hängen am gleichen Zeitsystem – einem zentralen Server, der die richtige Uhrzeit an alle Geräte sendet. Und dieser Server hat sich nach einem Update um mehrere Stunden verrechnet. Niemand weiß seither, wie er zurückgestellt werden soll, weil alle Programmierer, die das könnten, in verschiedenen Zeitzonen wohnen und sich nicht einigen können, welche Zeit überhaupt die richtige ist.

Seitdem ist alles durcheinander. Unser Postbote weiß nicht mehr, wann er losfahren soll. Mal kommt er um das an, was früher Morgen war, mal mittags, mal fast abends. Die Leute sind nie zu Hause, weil sie nicht wissen, wann er kommt. Die Pakete stapeln sich.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist: Niemand kann sich mehr verabreden. Gestern wollte ich mich mit meiner Freundin Yara treffen. Wir haben gesagt: um drei. Ich stand um drei vor ihrer Tür – jedenfalls zeigte meine Uhr drei. Yaras Uhr zeigte halb zwei. Ich wartete. Nach einer Weile kam sie raus und sagte, sie habe eine Stunde auf mich gewartet und sei dann reingegangen. Wir haben uns beide verpasst, obwohl wir beide pünktlich waren.

Mein Opa sagt wieder: „Frag Postschlumpf."

Eure Mika

(P.S. Ich weiß nicht einmal, ob dieser Brief rechtzeitig ankommt. Vielleicht kommt er schon gestern an. Oder erst übermorgen. Die Zeit macht gerade was sie will.)

Fahrrad mit fliegenden Uhren

Eine Weile war es still.

Dann sagte Ferkel: „Das klingt sehr anstrengend."

„Das klingt sehr einsam", sagte Lisa leise. Sie dachte an Yara, die eine Stunde gewartet hatte. An Mika, die vor einer verschlossenen Tür stand.

Der Postbote schaute nachdenklich auf sein Fahrrad. „Ich weiß genau, wie sich das anfühlt", sagte er. „Wenn die Leute nicht wissen, wann ich komme, sind sie nicht da. Und ich klingele bei leeren Häusern." Er seufzte. „Post braucht zwei Dinge: eine Adresse und einen Moment. Den Raum haben wir letztes Mal gerettet. Jetzt müssen wir die Zeit retten."

Postschlumpf nickte. Die Ente nickte. Küken nickte, wobei sein glitzernder Helm dabei wackelte.

Sie setzten sich an den Küchentisch. Und sie dachten nach.


Was die Gang Mika diesmal schrieb

Der Antwortbrief begann, wie der Postbote es vorschlug, mit dem Wichtigsten:

Erstens: Sucht die älteste mechanische Uhr in der Stadt.

Nicht eine digitale, nicht eine, die am Stromnetz hängt oder Funksignale empfängt – sondern eine, die aufgezogen wird. Mit einem Schlüssel, einem Zeiger, einem Uhrwerk aus Zahnrädern. Solche Uhren existieren überall: in alten Rathäusern, in Kirchen, in Großmutters Wohnzimmer. Sie laufen unabhängig von jedem Server der Welt.

Zweitens: Stellt diese Uhr nach der Sonne neu.

Die Sonne ist die älteste Uhr der Menschheit und macht keine Software-Updates. Wenn die Sonne im höchsten Punkt steht – das ist zwölf Uhr mittags. Genau. Immer. Stellt die mechanische Uhr danach. Und von dieser einen verlässlichen Ankeruhr aus, die tickt und nie lügt, könnt ihr alle anderen Uhren der Stadt neu synchronisieren.

„Aber wie sollen sie das erklären?", fragte Lisa. „Das ist doch kompliziert."

„Nein", sagte der Postbote. „Mein Großvater hat mir das mit einem Stock erklärt. Du steckst einen geraden Stock senkrecht in die Erde. Wenn sein Schatten am kürzesten ist – das ist Mittag. Das haben Menschen seit Tausenden von Jahren so gemacht."

Postschlumpf schrieb es auf. Die Ente überprüfte die Rechtschreibung.

Drittens: Richtet feste Anker ein, bis die Uhren wieder stimmen.

Verabredungen ohne verlässliche Uhrzeit sind schwierig – aber nicht unmöglich. Man muss nur anders reden. Nicht „um drei", sondern „nach dem Mittagessen". Nicht „um neun", sondern „wenn der Postbote kommt". Und der Postbote – Mikas Vater – soll jeden Morgen zur gleichen Zeit losfahren, egal was die Uhr zeigt. Er schaut auf die Sonne. Wenn sie eine Handbreit über dem Horizont steht, fährt er los. Das ist sein Moment. Der, den alle kennen können.

Viertens, und das ist das Allerwichtigste:

Nie wieder nur eine einzige Zeitquelle. So wie ihr jetzt wisst, dass Adressen nicht nur in einem Computer stehen dürfen, darf auch die Zeit nicht nur von einem einzigen Server kommen. Hängt überall in der Stadt mechanische Uhren auf. Als Backup. Als Anker. Als Erinnerung daran, dass Zeit etwas ist, das die Menschen selbst im Griff haben können – und nicht nur Maschinen.

Der Postbote legte den Stift hin. „Und sagt Mika: Yara wartet bestimmt noch. Sie soll einfach klingeln."

Lisa lächelte. Das schrieb sie als letzten Satz in den Brief.

Sie falteten ihn, steckten ihn in den silbrigen Umschlag und schoben ihn durch das magische Briefportal.

Dann fuhren sie los, um die heutige Post zu verteilen. Die Sonne stand gut. Es war noch früh.


Die Antwort aus der Zukunft

Diesmal dauerte es nur drei Tage.

Der neue Umschlag war nicht zerknittert. Die Handschrift war ruhig und gleichmäßig, und in der oberen rechten Ecke hatte Mika mit bunten Stiften eine kleine Sonne gemalt.


Liebe Gang!

Wir haben eine alte Rathausuhr gefunden. Sie stand seit zwanzig Jahren im Keller, weil niemand mehr wusste, wozu man sie braucht. Der Hausmeister hat sie hochgeholt und aufgezogen. Sie tickt wunderschön.

Unser Postbote hat mittags mit einem Stock in der Erde den kürzesten Schatten abgewartet und die Uhr danach gestellt. Dann sind wir durch das ganze Viertel gegangen und haben alle anderen Uhren nach der Rathausuhr neu eingestellt. Es hat den ganzen Nachmittag gedauert, aber es hat Spaß gemacht. Fast alle sind mitgekommen.

Jetzt hat fast jeder Haushalt im Viertel eine kleine mechanische Uhr – manche aus der Schublade, manche vom Flohmarkt, eine sogar von der Oma einer Schulfreundin. Sie alle ticken. Sie alle zeigen dieselbe Zeit. Und sie alle laufen weiter, egal was der Server macht.

Der Server wurde inzwischen auch repariert. Aber wir haben beschlossen, die mechanischen Uhren zu behalten. Als Backup. Als Anker. Als Erinnerung.

Unser Postbote fährt jetzt wieder jeden Morgen los, wenn die Sonne eine Handbreit über dem Horizont steht. Die Leute sind wieder da, wenn er klingelt. Gestern hat er sogar Kaffee bekommen.

Und Yara? Ich habe einfach geklingelt. Sie war zu Hause.

Alles ist wieder sehr okay.

Eure Mika

(P.S. Ich möchte immer noch Postbotin werden. Aber ich möchte auch Uhrmacherin lernen. Geht das beides?)


Der Postbote faltete den Brief zusammen und steckte ihn in seine Brusttasche – genau neben dem ersten Brief von Mika, der noch immer dort lag.

Postschlumpf setzte seinen blauen Helm auf.

Die Ente watschelte auf die Lenkerstange.

Die Sonne stand gut.

Und sie fuhren los.

Diese Geschichte ist meine Idee und wurde mit KI-Unterstützung erstellt. Lizenz: CC BY-NC 4.0 Die Geschichte darf geteilt und verwendet werden unter Nennung der Quelle (rickert.fr), aber nicht für kommerzielle Zwecke.